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  • Februar 2020Absturzsicherung im Betrieb und auf Baustellen – rechtliche Grundlagen und Gefährdungsbeurteilung

    Abstürze sind die häufigste Ursache für schwere und tödliche Arbeitsunfälle. Nicht nur auf Baustellen sind Beschäftigte gefährdet, auch in Betrieben gibt es häufig Situationen, in denen eine Absturzsicherung benötigt wird. Der Gesetzgeber regelt Schutzmaßnahmen gegen Abstürze in unterschiedlichen Rechtsvorschriften, die Arbeitgeber zwingend beachten müssen. Neben der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) mit der dazugehörigen ASR A2.1 „Schutz vor Absturz und herabfallenden Gegenständen, Betreten von Gefahrenbereichen“ betrifft das die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) mit der konkretisierenden Technischen Regel TRBS 2121„Gefährdung von Personen durch Absturz – Allgemeine Anforderungen“ aber auch das Baurecht.

    Die Arbeitsstättenverordnung fordert im Anhang 2.1 überall dort eine Absturzsicherung, wo sich Arbeitsplätze und Verkehrswege befinden und gleichzeitig eine Absturzgefahr besteht. Im Anhang 5.2 definiert die ArbStättV Anforderungen an die Absturzsicherung von Baustellen. Die ASR A2.1 greift räumlich gesehen weiter. Sie gilt nicht nur für Arbeitsplätze und Verkehrswege, sondern auch für das Betreten von Dächern oder Gefahrenbereichen. 

    Die Regelungen der Betriebssicherheitsverordnung gelten für Arbeitsplätze und Verkehrswege, die Bestandteil eines Arbeitsmittels sind. Das ist z. B. dann der Fall, wenn der Beschäftigte erst eine Leiter hochsteigen muss, um eine Anlage bedienen zu können, aber auch dann, wenn es sich um hoch gelegene Bedienerplätze an Maschinen und Anlagen handelt. Nach der BetrSichV muss nicht nur das Abstürzen von Beschäftigten, sondern auch das von Arbeitsmitteln verhindert werden. Konkretisierende Maßnahmen enthalten die Technischen Regel für Betriebssicherheit (TRBS), insbesondere die TRBS 2121.

    Gerade im Bereich Bau ergeben sich unweigerlich viele Gefährdungssituationen, die eine Absturzsicherung verlangen. Deshalb enthält auch das Baurecht Regelungen gegen Absturz. Hintergrund ist § 3 Abs. 1 Musterbauordnung (MBO), der fordert, dass Anlagen so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten sind, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht beeinträchtigt wird. Verantwortliche müssen Umwehrungen und Brüstungen vorsehen, um Abstürze zu vermeiden. 

    Absturzsicherung: Auswahl der Schutzmaßnahmen erfolgt nach dem TOP-Prinzip
    Das heißt: Erst haben technische Maßnahmen zu erfolgen, dann organisatorische und dann erst persönliche. Für die Absturzsicherung bedeutet das: 

    T = Absturzsicherungen wie Umwehrungen oder Abdeckungen
    O = Auffangeinrichtungen wie Schutznetze, Schutzwände oder Schutzgerüste (nur wenn Absturzsicherungen aus betrieblichen Gründen nicht anwendbar sind)
    P = Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA)

    Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung muss der Arbeitgeber ermitteln, welche Maßnahme umzusetzen und was die geeignete PSA ist. Trotz PSA gegen Absturz passieren häufig Absturzunfälle, weil Beschäftigte falsch mit ihrer Ausrüstung umgehen. Arbeitgeber sind deshalb in der Pflicht, gezielt zum Umgang mit einer PSAgA zu unterweisen.

    Bei der Erstellung der Gefährdungsbeurteilung sind ggfs. mehrerer Gefährdungsfaktoren auch im Zusammenspiel zu berücksichtigen. Diese können sein: 

    •  Absturzhöhe (Gefährdung besteht laut ArbStättV ab mehr als einem Meter)
    • Abstand von der Absturzkante
    • Art der Tätigkeit 
    • Dauer der Tätigkeit mit einhergehender körperlicher Belastung
    • Neigung des Standplatzes 
    • Beschaffenheit der Standfläche 
    • Art und Beschaffenheit der tiefer gelegenen Aufprallfläche 
    • Art und Beschaffenheit von Gegenständen auf der tiefer gelegenen Fläche
    • Einflüsse aus der Arbeitsumgebung (Witterung, Beleuchtung, Vibrationen etc.) 
    • körperliche und psychische Voraussetzungen des/der Beschäftigten 

    Im Betrieb und auf Baustellen gibt es einige Absturzgefährdungen, die bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung besonderes Augenmerk verlangen. Hier eine Auswahl, bei denen eine Absturzsicherung benötigt wird: 

    • Dächer und Dachkanten
    • Treppen
    • Fensterbrüstungen
    • Wand- und Bodenöffnungen 
    • Wartung, Instandhaltung und Reinigung von Glasflächen und Fenstern 
    • Arbeiten auf Leitern 
    • Bedienen von Regalen und Tätigkeiten an hohen Schränken und Regalen 
    • Verwendung von Arbeitsmitteln  

    Besonderheit - Hinweis:

    Arbeitgeber haben auch die Möglichkeit, unter eng umrissenen Bedingungen gänzlich auf eine Absturzsicherung zu verzichten. Dann muss der Beschäftigte fachlich qualifiziert und körperlich für diese Tätigkeit geeignet sein. Außerdem muss der Arbeitgeber eine besondere Unterweisung durchführen. Die Absturzkante muss für den ausführenden Beschäftigten zudem deutlich erkennbar sein. 

    Absturzsicherung auf Baustellen nach Anhang 5.2 ArbStättV

    Arbeitgeber in der Baubranche müssen neben dem Baurecht insbesondere den Anhang 5.2 der ArbStättV beachten, der deutlich ausführlicher Maßnahmen zur Absturzsicherung auf Baustellen definiert. Demnach müssen Schutzvorrichtungen gegen Absturz vorhanden sein ab

    • 0,0 m Absturzhöhe an
        • Arbeitsplätzen an und über dem Wasser
        • Arbeitsplätzen an und über festen oder flüssigen Stoffen, in denen Beschäftigte versinken können
        • Verkehrswegen über dem Wasser
        • Verkehrswegen über festen oder flüssigen Stoffen 
    • mehr als 1,0 m Absturzhöhe an Wandöffnungen sowie an freiliegenden Treppenläufen und -absätzen
    • mehr als 2,0 m Absturzhöhe an allen übrigen Arbeitsplätzen

    Bei Arbeiten auf Dächern und Geschossdecken mit einer Grundfläche bis 50m2 und einer Neigung bis 22,5° erlaubt Anhang 5.2 der ArbStättV eine Absturzhöhe bis zu 3,0 m, ohne dass eine Absturzsicherung benötigt wird. Die ausführende Person muss jedoch fachlich qualifiziert, körperlich fit und besonders unterwiesen sein.